STATE OF THE ART

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STATE OF THE ART

GÆG (Wolfgang Aichner/Thomas Huber)
curated by Christian Schoen

 

 

 

 

 

State of the Art

Für ihr Projekt beschreiten die beiden Münchner Künstler Thomas Huber & Wolfgang Aichner die Grenze eines imaginären Staates, des “State of the Art“.
Im Rahmen ihrer dreiwöchigen Wanderung markieren sie so eine 18.600 Quadratkilometer große Fläche im Zentrum der Vereinigten Staaten von Amerika, und sie tun das im Wortsinn: Gekleidet wie Staatsmänner oder Konzernmanager bewegen sie einen übergroßen Kugelschreiber mit sich, um eine kontinuierliche, symbolische Spur zu ziehen. Mit großem Gestus schreiben sie ihr Territorium in eine Landkarte ein, die von ähnlich willkürlichen und rücksichtslosen Grenzziehungen vergangener Epochen geprägt ist. Proklamiert wird nichts Geringeres, als der territoriale Freiraum der Kunst in Zeiten eines wieder aufkeimenden Nationalismus.

 

Das territorium

Der Kunststaat legt sich wie eine zweite Ebene über die Bundesstaaten Colorado (Beitritt in den Staatenbund: 1876), Wyoming (1890) und Utah (1896), deren Landesgrenzen nicht von geographischen oder historischen Begebenheiten vorgegeben wurden, sondern am Reißbrett mit großer Distanz zur Realität entstanden sind. Das offenkundig Artifizielle der historischen Grenzziehungen war Anlass für die Ortswahl.
Der zivilisatorische Aspekt, der historisch von indigener Territorialveränderung wie auch von kolonialer Rigorosität geprägt war, bevor die weißen Siedlungsgebiete zu US-Staaten geformt wurden, markiert eine Ebene des Projektes.
Der “State of the Art“ wiederholt im Gestus die Landaufteilung des Weißen Mannes, setzt dem jedoch ein Territorium ohne Ideologie entgegen, einen Freiraum der Imagination, einen Staat ohne Grenze, einen Nichtstaat. Er wird – wenngleich proklamiert – nicht politisch oder juristisch gestützt. Er verbleibt durch die Aktion eine künstlerische Behauptung, die vor dem Hintergrund der Erdgeschichte nicht mehr oder weniger real ist, als irgendeine nationale Grenzziehung.

Reviermarkierung

Auf einer zusätzlichen Ebene zeigt das Projekt auf, dass der oftmals aggressive Prozess von territorialer Vereinnahmung, beim Menschen ein vom Mann ausgeführter ist.
Waren früher die Alphamännchen unter den Kriegern die stärksten, so tragen heutige Machthaber Anzug und Krawatte, um in einer zunehmend globalisierten Welt politische wie ökonomische Interessen durchzusetzen. Ob Politiker, Unternehmer, Banker, die Welt mit ihren Ressourcen wird vom Schreibtisch und von Meetingräumen aus aufgeteilt.
Huber und Aichner holen dieses Personal in die physische, geografische Realität zurück. Wenn sie im feinen Zwirn für drei Wochen das künstlerische Revier markieren, ist das mehr als nur ein ironischer Kommentar. Was von Ferne wie eine Marketingaktion eines Unternehmens erscheinen mag, ist die Aufforderung an Jeden, die Schaffung von Fakten, die stets von bestimmten Interessen geleitet werden, zu hinterfragen. Der Kugelschreiber, der durchaus als phallisches Symbol gesehen werden darf, ist Zeichen von der menschlichen Entfernung zur Natur, als dem einst weiblichen Wesen. Vor Ort bildet sich die Kugelschreiberlinie nicht, oder nur als flüchtige Mulde ab. Lediglich im digitalen Raum der Projektwebsite fügt sich die Linie langsam zum Rechteck. Die Grenze, die so gezogen wird, dient nicht der Abschottung. In ihrer Metaphorik lässt sie sich eher als Aufforderung zum Übertritt begreifen. In letzter Konsequenz ist der State of the Art, eine territorial unabhängiger Ort geistiger und künstlerischer Freiheit.

 

Der Zeitraum

Die drei Wochen im Mai-Juni 2017 markieren einen nur alle zehn Jahre wiederkehrenden Höhepunkt der internationalen Kunstwelt. In dieser Zeit eröffnen mit der Biennale in Venedig, der documenta in Kassel/Athen, der Kunstmesse Basel und den Skulpturprojekten Münster die bedeutendsten Kunstevents der Welt. Während sich Sammler und Museumsleute, Künstler und Galeristen in Europa einfinden, wird zur selben Zeit das eigentliche Territorium der Kunst im Niemandsland auf dem amerikanischen Kontinent abgesteckt. Diese Gleichzeitigkeit wirft die Frage nach der eigentlichen Bedeutung der Kunst im 21. Jahrhundert auf. 

 

Das Manifest

Die Aussage des Projekts manifestiert sich auf drei Ebenen: Die Aktion selbst, also das dreiwöchige Erwandern der “Landesgrenzen“ im physischen Raum, markiert die reale Ebene. Die GIS-gesteuerte Live-Dokumentation liefert die mediale, virtuelle Ebene im Internet. Ein entscheidender Baustein werden die dokumentierten „Pressekonferenzen“ sein.
Dokumentiert werden hier die einzelnen Etappen auf dem Weg zur Staatengründung. Ohne mediale Begleitung lässt sich heute keine Realität mehr herstellen. Die dritte Ebene liefert ein ca. zwanzigminütiger Film, der als das eigentliche Manifest des Projekts gilt. In ihm wird gleichsam dokumentarisches Material der Aktion als auch fiktionales zu einer aufwendigen Hypothese verstrickt.

 

Der Kugelschreiber

Das Schreibgerät verfügt über eine achsgelagerte Kugel, die ähnlich wie ein Rad funktioniert. In Leichtbauweise aus GFK gefertigt, wird das Objekt in der freien Landschaft mit langen Karbonstäben windstabil gehalten. Fortbewegt wird der Kugelschreiber mittels Ziehen, Schieben, Heben, je nach Geländeanforderungen, wobei der Fokus auf ökologische Unbedenklichkeit gerichtet ist. Auf weichen Untergründen, wie z.B. Sand wird der Stift eine erkennbare Spur erzeugen.

 

Zeitachse

02/2017 Preview MUC, Sponsoren/Partner
05/2017 Pressetermin MUC
05/2017 Pressetermin USA
06/2017 Projektphase
09/2017 Filmpremiere MUC

 

 

PDF (inkl. Kostenplan)